Noch vor 10 Tagen flippten die Märkte besorgt über die US-Wirtschaft aus –  fest überzeugt, dass die Rezession, welche seit drei Jahren vermieden wurde, nun endlich stattfinden sollte. Doch es scheint eine wilde Überreaktion auf einen einzigen Bericht vom Arbeitsmarkt gewesen zu sein.

Im Schatten des US-Wahlkampfes

Es war wohl ein Fehler, den Zustand der breiten und komplizierten amerikanischen Wirtschaft zu beurteilen, auf einen einzigen Datenpunkt zu fixieren. Für sich betrachtet war der unerwartet starke Anstieg der Arbeitslosigkeit vor zwei Wochen ein riesiges Warnsignal.

Die Wahrheit ist, dass die US-Konjunktur in ziemlich solider Verfassung ist und kein ernsthafter Ökonom von einer bevorstehenden Rezession spricht. Die Wahrheit ist auch, dass die Menschen sich klamm fühlen, Wohnraum für Millionen von Amerikanern unerschwinglich geworden ist und die Preise nicht sinken wollen, obwohl die Inflation nachlässt.

Im Vorfeld der Wahlen werden Politiker sich auf die wirtschaftliche Erzählung stürzen, die ihre Agenda im günstigsten Licht erscheinen lässt. Eine Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, sich auf ein einzelnes Thema zu konzentrieren – etwa Supermarktpreise – und Widersprüche oder Vorbehalte zu vermeiden, welche die Botschaft trüben.

Shopping-Therapie

Die Geschichte des amerikanischen Verbrauchers ist an diesem Punkt geradezu heroisch. Seit mehr als drei Jahren haben die Medien in allen möglichen Krisen eingekauft. Pandemiebedingte Lockdowns? Lasst uns Sachen kaufen. Aufhebung der Lockdowns? Sachen kaufen. Kriege im Ausland? Soziale Unruhen? Waldbrände? Überschwemmungen? Shoppen. Shoppen. Shoppen.

Die US-nationale Neigung zur Shopping-Therapie hat die Wirtschaft aus der pandemiebedingten Rezession von 2020 getrieben. Selbst nachdem die Konjunkturhilfen versiegten und Zinserhöhungen Kredite teurer machten, hat sich das Wachstum der Amerikaner kaum verlangsamt. Von Juni bis Juli stiegen die Umsätze im US-Einzelhandel laut der am Donnerstag veröffentlichten Daten um ein Prozent. Ökonomen hatten nur einen Zuwachs von 0,3 % erwartet.

Die Unternehmensgewinne zeigen, dass die US-Verbraucher nicht erschöpft sind, sich aber zunehmend auf die Suche nach Schnäppchen konzentrieren. Luxusmarken geraten unter Druck, während Walmart und Costco florieren. Schwache Umsätze bei Home Depot deuten auch darauf hin, dass Hausbesitzer große Projekte aufschieben. Dies drückt womöglich eine gewisse Unsicherheit über ihre persönlichen Finanzen aus.